Freitag, 9. Mai 2014

Umgang mit Homosexualität | Interview

Hallo meine Lieben,
bei uns in Sachsen ist es üblich, dass man in der 11. Klasse eine Komplexe Leistung verteidigt. Das Thema inklusive betreuendem Lehrer sollte aber schon am Ende der 10. Klasse feststehen, was bedeutet, dass wir vor einigen Wochen unsere Vorschläge eingereicht haben.
Ursprünglich sollte meine Arbeit von dem Umgang mit Homosexualität in unserer Gesellschaft handeln. Allerdings wurde dieser Wunsch mit verschiedenen Begründungen abgelehnt, wodurch ich das Gefühl bekommen habe, dass sich keiner der Lehrer überhaupt damit auseinandersetzen wollte. Ich finde das Thema aber nach wie vor sehr interessant und da ich bereits ein Interview mit Tommy geführt habe, möchte ich es wenigstens hier veröffentlichen.

Tommy ist übrigens ein wahnsinnig lustiger und sympathischer Mensch, bei dem ihr auf jeden Fall mal vorbeischauen solltet:



Wie alt bist du?
Ich bin 23 Jahre alt.

Bist du in einer Beziehung?
Ja, seit 4 Jahren.

Wann hast du gemerkt, dass du schwul bist?
Das ist schwer zu sagen. Die ersten Gedanken ans gleiche Geschlecht kamen mit 13. Lange hab ich es mir nicht eingestanden und mich nicht getraut mich zu akzeptieren. Mit 17 war ich dann soweit, dass ich 100% Bescheid wusste und 100% dahinter stand.

Wie war diese Zeit für dich?
Es ist ein schwerer Prozess, der ohne meine Freunde noch viel schwerer gewesen wäre. Ich hatte große Angst davor auszusprechen, dass ich schwul bin.

Wie lange hast du gebraucht, um dich zu outen?

Ich teile das Outing gerne in 3 Teile:
Das Outing vor sich selbst
Das Outing für sein Umfeld
Und das offene Outing/bzw. Der offene Umgang mit der Homosexualität.

Alles zusammen hat ca. 3 Jahre gebraucht. Am längsten war ich mit mir alleine beschäftigt, damit mich zu verstehen und mich kennen zu lernen. Als ich das für mich abgeschlossen hatte, wollte ich den Rest so schnell wie möglich hinter mich bringen.

Wie gingen die Leute mit dir um?

Zum großen Teil verständnisvoll und mit Respekt. Teilweise abweisend, aber auch neugierig und interessiert.

Hat sich dadurch viel für dich geändert? (negativ und positiv)

Positiv:
Ich fühle mich freier und angebundener. Es ist schwer mit einer Lüge leben zu müssen, daher war es für mich sehr wichtig mein Umfeld einzuweihen, damit sie mich 100% so kennen, wie ich bin.

Negativ:
Oftmals wird man auf seine Sexualität reduziert. Dann bin ich nicht mehr der kreative und aufgeschlossene Tommy, sondern „der Schwule"

Wie haben es deine Freunde und Familie aufgefasst?
Meine besten Freunde sind nach wie vor meine besten Freunde. Sie mögen mich ja aufgrund meiner Person und nicht wegen meiner Hautfarbe, Religion oder Sexualität.
Meine Familie wusste es schon länger als ich selbst und sie waren nicht überrascht, sondern erleichtert, dass ich es auch endlich bemerkt habe und dass ich es ihnen anvertraute.

...und wie gehen sie heute damit um?

Sie behandeln mich nicht anders als meine Geschwister. Manchmal kommt ein humorvoller Spruch über das Thema Homosexualität, aber das ist vollkommen in Ordnung, da ich sehr humorvoll und selbstironisch bin.

via instagram


Welche negativen und positiven Erfahrungen musstest du machen?

Positive Erfahrungen fallen mir keine ein, die mit meiner Sexualität zu tun haben. Klar freue ich mich, wenn jemand mich so akzeptiert wie ich bin, aber so etwas sollte selbstverständlich sein.


Negative Beispiele gibt es da mehr, aber keines davon hat mich hart getroffen. Das liegt vor allem daran, dass ich sehr selbstbewusst bin. Da sind zum einen Sprüche, die man an den Kopf geworfen bekommt. „Scheiß Schwuchtel" etc. - Vor allem im Internet werden solche Sprüche oft an mich gesendet, aber mein Motto lautet „wer mich nicht kennt, kann mich auch nicht verletzen" (verbal).
Die Aussage „Schwul!" oder „Bist du schwul oder so?" fasse ich nicht als Beleidigung auf, obwohl sie vom Verfasser so gemeint ist. „Schwul“ ist genauso wenig eine Beleidigung wie „Du hast braune Haare."
Einmal wurde mir im Kino gedroht, dass ich einen Tritt „kassiere" wenn ich nicht aufhöre meinen Freund zu küssen. Anstatt dies zur Anzeige zu bringen hab ich mich 5 Reihen weiter weg gesetzt und weitergemacht.

Hast du Unterschiede im Umgang mit Homosexualität gemerkt? (Abhängig von Land, Alter der Menschen,...)
Ich habe in meinem Freundeskreis die verschiedensten Leute: Heterosexuelle, Bisexuelle, Transsexuelle, Deutsche, Russen, Türken uvm. 
Mir ist aufgefallen, dass Menschen mit geringerem Bildungsgrad am meisten Probleme mit meiner Sexualität haben. Ich will damit nicht verallgemeinern, dass alle Hauptschüler oder Sonderschüler homophob sind, aber im Schnitt liegt dort der Großteil. Ich war auf einer kooperativen Gesamtschule und die Gymnasiasten hatten am wenigsten Probleme mit meiner Sexualität. Ich denke, dass die meisten die Homosexualität einfach nicht verstehen und sie deshalb hassen. Vielleicht liegt es auch an der Erziehung ich weiß es nicht. Wie gesagt, ich kenne auch Menschen mit Hauptschulabschluss, die heterosexuell und tolerant sind. 


Was sind die schlimmsten Vorurteile, Bemerkungen etc. die du bei diesem Thema kennst?

Mich stört es immer besonders, wenn Männer, oder Jungs denken, nur weil ich Schwul bin, müssten sie Angst haben, dass ich mit denen schlafen will, oder sie angrabe. Ich stehe auch auf einen bestimmten Typen von Mann und nicht auf jeden. Ich denke Männer haben Angst vor einem Mann, der sie genauso begafft, oder angräbt, wie sie es mit Frauen machen.
Dem ist aber nicht so. Für mich ist es so, wenn jemand heterosexuell, vergeben oder nicht interessiert ist, ist die Sache für mich gegessen und ich respektiere das.


Wie würdest du die Entwicklung im Umgang mit Homosexualität allgemein bewerten?

Es hat sich schon viel getan, aber es ist sicher noch Luft nach oben. Erst wenn es keinen Unterschied mehr macht welche Sexualität man hat, erst dann ist es so wie es sein soll.

Was macht unsere Gesellschaft noch falsch und welche Wünsche hättest du?
Ich will niemanden aufgrund seines Geschlechts oder seiner Sexualität ausgegrenzt sehen. 
Ich will gerne, dass Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle und Lesben heiraten dürfen und nicht anders behandelt werden, als ein heterosexuelles Paar.
Es ist quasi das gleiche wie damals: Frauen dürfen nicht wählen und nicht arbeiten.
Schwarze dürfen nicht dieselben Toiletten benutzen wie Weiße. Wir sind nicht mehr im Mittelalter. Wer gibt anderen das Recht, mir das Recht auf Gleichberechtigung zu nehmen?


Welchen Tipp kannst du homosexuellen Jugendlichen geben?

Du bist nicht alleine! Vertraue dich jemandem an, ob im Netz bei dafür vorgesehenen Seiten oder bei Freunden. Wichtig ist, dass du mit jemandem redest. Niemand hat das Recht dich aufgrund deiner Sexualität schlechter zu behandeln oder auszugrenzen. Niemand hat das Recht dir zu sagen, wen du lieben sollst. 
Wenn du dich bereit fühlst oute dich und steh zu dir. Niemand kann dir das Recht nehmen frei zu sein.
Dazu möchte ich gerne noch sagen, dass es kein bestimmtes Alter gibt, in dem man sich outen sollte. Mach es, wenn du dazu bereit bist. Ob mit 14, oder mit 45. Du bist ein wundervoller Mensch, egal zu welchem Geschlecht du dich hingezogen oder zugehörig fühlst! 


Ich würde mich wahnsinnig freuen, wenn auch ihr mir eure Meinungen und Ansichten dazu schreiben würdet, da mich das Thema und die Gleichberechtigung wirklich sehr beschäftigt.

Eure Tina

Kommentare:

  1. Ich find's immer schön, wenn jemand sich mit diesem Thema auseinandersetzt und find's auch schön, dass du das Interview hier veröffentlichst, wenn deine Lehrer das Thema ablehnen... Sowas finde ich übrigens ziemlich rückständig und kann es auch nicht wirklich verstehen. Die Sexualität von jemandem ändert doch nicht, was für ein Mensch er oder sie ist...
    Ich selbst bin bi, aber ich hatte nie Probleme damit. Meine Eltern wissen das zwar nicht, aber wir haben eh kein so gutes Verhältnis. Ansonsten gehe ich total offen damit um und bin da auch noch nie auf Ablehnung gestoßen. Mir tut es immer leid, wenn andere sich damit so schwer tun. Habe das in der Oberstufe mit meinem Bekannten erlebt, der sich zuerst mir anvertraut hat, dass er schwul ist und ich habe ihn dann dabei unterstützt sich nach und nach zu outen. Ihm ging es dann auch sehr gut damit und ich freu mich sehr, dass er das so gut hinbekommen hat und er auch so viel Akzeptanz erfahren hat. :)

    Hier in NRW gibt es momentan viel Stress, weil das Land das Theme "sexuelle Vielfalt" im Unterricht besprechen möchte - also Homo-/Bisexualität, aber auch Intersexualität, Asexualität, Transsexuelle etc. - und da laufen allen ernstes viele Eltern Sturm und protestieren dagegen, dass man den Kindern ja auch bloß nicht beibringen dürfe, dass das "normal" wäre... Da könnte ich mich sowas von aufregen! -.-
    Ich kann echt überhaut nicht nachvollziehen, warum manche Menschen da so eine Abneigung haben. Aber bei den älteren kommt es sicher auch noch von früher, wo das noch nicht so akzeptiert, bzw. sogar noch verboten war. Aber zumindest unsere Generation sollte das echt hinter sich gelassen haben, wobei ich meine, dass es zum größten Teil auch so ist. Die meisten jungen Leute sind da inzwischen echt liberal drauf. ^^

    Liebe Grüße,
    Shirley

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    1. Haha und ausgerechnet nach NRW bin ich gezogen. Da lauf ich gleich auch mal Sturm und dann gibts Stress. Ich werf mit Plüschhasen und mal überall meinen pinken Nagellack an die Wände (muss ja schließlich alle Klischees bedienen. Dass ich vermutlich voll der Durchschnittsmensch bin ist ja nicht aufreisserisch genug)
      Mal ehrlich, wer gibt anderen das Recht UNS unsere Rechte zu nehmen.
      Willkommen im Mittelalter.

      Liebsten Gruß an dich Shirley und naürlich an dich Tina. Danke fürs Posten <3

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    2. Ohh also ich bin eigentlich davon ausgegangen, dass du dir mit deinem Freund gegenseitig die Nägel lackierst...und natürlich Zöpfchen flechtet. :*

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  2. Ich find's gut dass du das Interview gepostet hast. Ich verstehe Eltern nicht, die nicht wollen dass solche Themen in der schule angesprochen werden. Insgesamt versteh ich nicht was man gegen homosexuelle haben kann, das sind wirklich meistens die liebsten Menschen, wie man an Tommy sieht ;)
    Gruß, Chantal ♡

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  3. So, jetzt schockiere ich mal: Ich finde, dass viel zu viel über Homo-/Bi- und sonstige Sexualität gesprochen wird. Einfach aus dem Grund, dass solange dem Thema so viel Auifmerksamkeit geschenkt wird, es nicht als normal gilt. Ich bin der Meinung, kein Mensch auf der Welt sollte sich outen müssen, denn es geht niemanden, außer einem (potentiellen) Partner, etwas an, mit wem man ins Bett geht. Die euphorischste Reaktion, die mir ein Outing entlocken kann, ist ein "Na und?".

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    1. Sehr guter Kommentar!
      Bin vollkommen deiner Meinung und frage mich ebenfalls, warum so viel über Homosexualität gesprochen wird. Bin selber zwar Hetero, aber ich finde Homosexualität ist überhaupt nicht besonderes, weil ich das total normal finde!

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    2. Toller Beitrag! Sehe ich auch so. Wie ich gesagt habe, es gibt nichts schlimmeres, als nur auf seine Sexualität reduziert zu werden.
      Von euch läuft doch auch keiner rum und sagt: "Hallo mein Name ist Marie und ich bin hetero"
      Es hat keinem was anzugehen, was ich mit meinem Partner oder alleine im Bett anstelle.
      Andererseits fühle ich mich dazu aufgerufen darüber zu reden, weil ich möglichst offen sein will und meinen Zuschauen helfen möchte, wenn sie fragen oder Probleme zu diesem Thema haben.
      Ich will nicht, das jeder "Homosexualität toll, spannend oder scheiße findet" ich will einfach nur, dass es akzeptiert wird ohne es zu werten. Genauso wie eine grüne Augenfarbe. Es gibt sie und fertig. Ende der Geschichte =)

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    3. Jop, ich würde das auch so unterschreiben.^^
      Ich finde auch nicht, dass man Homo-/Bisexualität seinem Umfeld irgendwie "beichten" müsste. Das habe ich auch nie gemacht. Die Leute bekommen das schon von selbst irgendwann mit, durch irgendeinen Kommentar von mir zu irgendwas oder sonstwie und das reicht völlig aus. ;)
      Das ist nicht so unnormal, dass man das extra erwähnen müsste. Ich kann aber auch verstehen, wenn jemand wirklich Probleme damit hat schwul oder lesbisch zu sein, wie bei dem Bekannten von dem ich oben schrieb, dass man das Bedürfnis hat bei allen "reinen Tisch"zu machen, wenn man sich endlich dazu durchringen konnte, dazu zu stehen...
      Und an sich finde ich es schon gut, wenn darüber in der Gesellschaft geredet wird, weil es eben immer noch viele Menschen gibt, die das als etwas Unnormales, Krankes empfinden. Vor allem, je weiter man Richtung Süden geht.

      Ich hab z. B. im Freiwilligendienst Folgendes erlebt: Auf der Bundeskonferenz eines sehr linken Jugendumweltverbandes wurde der Antrag gestellt, vereinsintern die sog. "Gab-Schreibweise" zu verwenden statt des Binnen-I. Also sprich: "Bürger_innen" statt "BürgerInnen". Weil die _-Schreibweise auch die Leute mit einschließt, die Transsexuell, geschlechtslos oder was-auch-immer sind.
      Und obwohl der ganze Verein eigentlich sehr links, offen und tolerant sein will, wurde der Antrag abgelehnt, weil die süddeutschen Landesverbände das nicht unterstützt haben und mit Transexualität etc. doch so ihre Probleme haben...
      Und das hat mich dann doch echt geschockt... (Ich hab übrigens trotzdem die Gab-Schreibweise verwendet, mir doch egal ob die Vereinsvorschrift was anderes sagt. x'D)

      Allerdings kenne ich auch viele Homosexuelle (Männer wie Frauen), die sich selbst sehr stark darüber definieren, dass sie homosexuell sind. Und die reden dann sehr viel darüber und suchen hauptsächlich Kontakt mit anderen Homosexuellen, weil das eben die Peer Group ist, in der die sich am wohlsten fühlen. Sowas habe ich z. B. auch nie gemacht. Nur weil ich auch auf Frauen stehe, muss ich nicht meinen Lebensmittelpunkt in lesbische Kreise verlagern und mir nur noch lesbische Freunde suchen.^^
      Ich finde das völlig okay, wenn Leute das machen, jedem das Seine, aber genau diese Gruppe beschwert sich dann gern, dass sie ja auf ihre Homosexualtät reduziert wird. Und an der Stelle schüttel ich dann doch manchmal den Kopf, weil die sich ja schließlich selbst irgendwie darauf reduzieren...

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  4. Hallo Tina und Tommy,

    ich habe dieses Interview sehr gern und mit großen Interesse gelesen. Ich empfinde es als ein Unding, dass es im Jahr 2014 immer noch seitenlange Diskussionen darüber gibt "Ob es in Ordnung ist homosexuell zu sein". Ja ist es. Es ist eines der wichtigsten Grundrechte eines jeden Menschen überhaupt, frei zu wählen, wie er lebt, welchen Menschen er liebt und zu wem er sich hingezogen führt. Leider, und dass zeigen auch die zahlreichen Reaktionen auf Berichte die mit den Sieg von Conchita Wurst einhergehen, ist dies noch lange nicht der Fall.
    Ich teile auch deinen Eindruck, Tommy, dass es vor allem die minderintelligenten Personen sind, die es sich immer wieder herausnehmen, die Freiheit und das Glück anderer nicht tolerieren können. Es sind nach meinem Empfinden aber auch insbesondere die Menschen, die sich selbst noch nicht gefunden haben und ihre eigene Unzufriedenheit (und die eigene Unfähigkeit etwas daran zu ändern) damit vor sich selbst verstecken/ kaschieren, dass sie Anderen, die den Mut haben sie selbst zu sein beschimpfen, klein machen, anfeinden....
    Dem entgegenwirken kann man meiner Meinung nach nur, indem jeder einzelne immer wieder Offenheit und Toleranz vorlebt.
    Viele Grüße
    Janine

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